Vom 15. Oktober 2010 bis 30. Januar 2011
© 2010 ProLitteris, Zürich
Pablo Picasso Mandoline und Gitarre, 1924;
Öl mit Sand auf Leinwand, 140,7 x 200,3 cm
Solomon R. Guggenheim Museum, New York 2000
1932 fand die weltweit erste Museumsretrospektive von Pablo Picasso (1881-1973) statt. Der spanische Maler hatte die Ausstellung, die von September bis November im Kunsthaus Zürich gezeigt wurde, persönlich zusammengestellt. Dies glich einer Revolution im Kunstbetrieb, denn dass ein Künstler die Werke, die in einem Museum gezeigt werden, selbst bestimmte und nicht ein Direktor, war neu. Dem subjektiven Blick des Avantgardisten auf sein ausserordentliches Werk begegnete das Publikum mit grossem Interesse. Auf Schritt und Tritt verfolgte die Presse den Meister, der mit Frau Olga und Sohn Paulo fünf Tage vor Ausstellungsbeginn in Zürich eintraf. Doch nicht alle vermochten das Genie des Fünfzigjährigen zu erkennen. In der Neuen Zürcher Zeitung beurteilte der weltbekannte Psychologe und Psychotherapeut C.G. Jung den Maler schlicht als schizophren. Für die mehr als zweihundert Arbeiten - sechsundfünfzig davon aus Picassos eigenem Besitz - wurde die gesamte ständige Sammlung aus dem Kunsthaus entfernt. Maler wie Oskar Schlemmer bestaunten das "Rekordunternehmen", welches mit 14-tägiger Verlängerung binnen neun Wochen 34'000 Besucher anzog. Der Aufwand war schon damals weitaus höher als die Einnahmen. Dennoch konnte sich das Kunsthaus den Erwerb eines zum Verkauf stehenden Gemäldes - "Guitare sur un guéridon" (1915) leisten.
2010 wird Picassos erste Retrospektive in Erinnerung gerufen. Das Kunsthaus Zürich, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, präsentiert sich als Institution, die schon früh für avantgardistische Strömungen offen war. Mit der Hommage an die Ausstellung von 1932 zeigt Kurator Tobia Bezzola die Entstehungsgeschichte der weltweit ersten umfassenden Museumsschau Picassos und vermittelt ihren Einfluss auf die Rezeption des seitdem weltberühmten Künstlers. Im grossen Ausstellungssaal treffen über 70 Spitzenwerke zusammen: Leihgaben des Museum of Modern Art und des Metropolitan Museum, New York, von der Tate Modern, London, aus dem Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid, und anderen. Daneben sind selten gezeigte Leihgaben von privaten Sammlern aus Europa und Übersee zugesagt. Der historische Hintergrund und die Auswahl der Exponate machen die finanziell und logistisch aufwändige Ausstellung zu einem einmaligen Ereignis. Sie wird nur in Zürich zu sehen sein.
Am Beginn der Ausstellung steht Picassos Jugendwerk - geprägt von Vorbildern wie Gauguin, van Gogh aber auch alten Meistern. Inspiriert von den Arbeiten Toulouse-Lautrecs und ersten Aufenthalten in Paris waren einige farbenfrohe Darstellungen grossstädtischen Lebens entstanden, aber noch kein eigenständiger Stil.
Ab Herbst 1901 begann Picasso in vorwiegend blaugrünen und blauvioletten Farbschattierungen zu malen. Es entstanden Werke, die in ihrem Ausdruck und ihrer Stimmung von Melancholie und Schwermut gekennzeichnet sind. Die Motive dieser Blauen Periode sind die Opfer der Gesellschaft: Kriminelle, syphilitische Mütter mit ihren Kindern, Prostituierte und Bettler. Aus dieser und der sich ab 1905 anschliessenden Rosa Periode hatte Picasso nur wenige Werke in die Zürcher Ausstellung integriert. Auf das vom heutigen Publikum hochgeschätzte Frühwerk blickte der Künstler beinahe gleichgültig zurück. Ihm galt der Umbruch zum Kubismus als Beginn seines eigentlichen Schaffens.
Gemeinsam mit Georges Braque entwickelte Picasso am Ende der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts die völlig neue Bildsprache des Kubismus. Ihr galt sein besonderes Interesse. Die aktuelle Ausstellung präsentiert diesen Schwerpunkt indem sie das Schaffen zwischen 1907 und 1920 in drei Phasen unterteilt: in den analytischen, den synthetischen und den spätkubistischen Stil. Immer wieder arbeitete Picasso in mehreren Techniken parallel. Werke des klassizistischen Stils sind um 1917/18 präsent und auch zehn Jahre später. In den 1920er Jahren begann der Maler, Freundschaft mit den surrealistischen Dichtern André Breton, Louis Aragon, Tristan Tzara zu schliessen. Obwohl kein offizielles Mitglied der Surrealisten, nahm er an deren Aktivitäten und Gruppenausstellungen teil. Die surrealistische Periode, in der die Formensprache der spätkubistischen und klassizistischen Motive neuen, fantastischen Kompositionen Platz machte, begann Ende der 20er Jahre und dauerte über die Zürcher Retrospektive hinaus bis 1937.
Das Kunsthaus hofft, mit eigenen Nachforschungen bis zur Eröffnung der Ausstellung am 15. Oktober alle damals ausgestellten Werke identifizieren zu können. Dieser Beitrag zur Rezeptionsgeschichte - über Entstehung, Umfang und Wirkung der Retrospektive von 1932 - wird in einer Publikation veröffentlicht. Spezifische Veranstaltungen für alle Altersgruppen sind in Vorbereitung, und über eine im Eintritt inbegriffene Audioführung in vier Sprachen werden Besucher den Informations- und Vertiefungsgrad auf ihrem Rundgang individuell bestimmen können.
Ein Kulturengagement der Credit Suisse - Partner des Kunsthaus Zürich.
Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
CH-8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84
www.kunsthaus.ch
Öffnungszeiten:
Sa/So/Di 10-18 Uhr
Mi/Do/Fr 10-20 Uhr
Montags geschlossen
Tickets:
Eintritt inkl. Audioguide d/e/f/i: CHF 22.-/14.50 reduziert. Gruppen ab 20 Personen CHF 16.50.
Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre gratis.
Führungen buchbar unter +41 (0)44 253 84 06.
Vom 15. Oktober 2010 - 30. Januar 2011 widmet sich das Kunsthaus Zürich der ersten Museumsausstellung von Pablo Picasso. Er hatte sie 1932 persönlich im Kunsthaus Zürich kuratiert und selber alle Werke dafür ausgewählt.
© Stiftung Adrien Turel, Zürich
Olga, Paulo, Picasso und Gotthard Schuh vor dem Hotel Baur au Lac in Zürich, 1932
Foto: Hans Robert Welti
Von der Rosa und der Blauen Periode über die kubistische und neoklassizistische Phase bis zum surrealistischen Schaffen ist die Ausstellung mit 70 Originalen aus den berühmtesten, internationalen Sammlungen hervorragend bestückt.
© 2010 ProLitteris, Zürich
Sitzende (Frau im Hemd), 1921
Öl auf Leinwand, 116 x 73 cm
Staatsgalerie Stuttgart, Sammlung Steegmann
© 2010 ProLitteris, Zürich
Musizierender Harlekin, 1924
Öl auf Leinwand, 113,8 cm x 97,2 cm
National Gallery of Art, Washington
Given in loving memory of her husband, Taft Schreiber, by Rita Schreiber